Hochschule Ravensburg-Weingarten | Zurück zur Startseite

Erweitert »




Öffentlichkeitsarbeit
und Wissenschaftskommunikation

2008

« Zurück

Ehemaliger Weingartener Student als Doktorand in Oxford


In der sechsten Klasse wäre Claudius Kischka fast wegen Englisch durchgefallen – inzwischen schreibt der Ingenieur seine Doktorarbeit in Oxford, auf Englisch natürlich. Er forscht und arbeitet an einer der renommiertesten Universitäten weltweit, doch diese außergewöhnliche Karriere hätte wohl keiner vorhergesehen, als Claudius seine Schullaufbahn an der Hauptschule in Weingarten begann. Am allerwenigsten Claudius selbst.




„Die Lust am Lernen hat mich dahin gebracht wo ich jetzt bin“, erzählt Claudius. Bis zu seinem Doktortitel ist Claudius einen weiten Weg gegangen. Nach dem Hauptschulabschluss führte ihn dieser über die mittlere Reife, eine zweijährige Berufsfachschule und das technische Gymnasium. „Seit ich 16 bin, habe ich in Fabriken Nebenjobs angenommen. Diese Erfahrungen motivierten mich weiterzulernen.“ Also begann Claudius sein Studium der Physikalischen Technik an der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Doch auch nach seinem Abschluss als Diplom-Ingenieur hatte er noch nicht genug. „Während des Studiums konnte ich mich nur auf die Pflichtfächer konzentrieren, jetzt wollte ich mein Wissen noch weiter vertiefen.“ Deshalb entschied sich Claudius für ein Mechatronics-Masterstudium.

Hatte ihn während seines Studiums immer wieder das Fernweh geplagt und ihn nach Indien und Amerika geführt, so wollte der inzwischen 28-Jährige eigentlich lieber sesshaft werden und sich niederlassen. Doch die Masterarbeit führte ihn erst einmal weg von zuhause, nach Nottingham in England. „Auf keinen Fall hatte ich geplant, länger als ein halbes Jahr in England zu bleiben“, erklärt er. Doch dann kam alles ganz anders. „Mein Supervisor in Nottingham war ziemlich beeindruckt von meiner Art zu arbeiten und hat mich gedrängt, mich in Oxford um eine Doktorstelle zu bewerben.“ Dieser Vorschlag machte Claudius erst einmal sprachlos, kaum konnte er die Ehre fassen, dass ausgerechnet er ausgewählt worden war.

„Ich konnte zwei Tage lang nicht schlafen. Dann entschied ich mich für eine Bewerbung und wurde eingeladen. Ich war aber ein bisschen skeptisch und versuchte, die Sache nicht so ernst zu nehmen.“ Das Bewerbungsgespräch sei nicht sonderlich gut gelaufen, so dachte Claudius zumindest, doch am nächsten Tag klingelte das Telefon und er bekam das Stipendium angeboten. „Ich war zuerst einfach nur baff, wusste nicht was ich sagen sollte und habe angefangen zu schwitzen.“ Er habe nie einen Doktor machen wollen, erzählt Claudius. „Ich war so stolz auf meinen Master-Abschluss an der Hochschule, mehr wollte ich eigentlich gar nicht. Dann kam Oxford – und ich bin schwach geworden.“

Die Universität Oxford, ein kleiner Kosmos für sich, in dem nur die Besten der Besten studieren, eine Atmosphäre aus Ehrgeiz und Leistungsdruck herrscht, diese Universität sollte für die nächsten drei Jahre Claudius´ zuhause werden. Das Konkurrenzdenken sei an der Universität Oxford sehr stark ausgeprägt, so erzählt er. Die Abende und auch die Wochenenden verbringen viele Doktoranden in den Laboren, jeder versuche besser zu sein, als der andere. „Der starke Wettbewerb fordert dich bis zum Maximum. Du musst viel arbeiten, damit du mit den anderen gleichziehen kannst.“

An der Universität angekommen, stürzte sich der Diplom-Ingenieur mit Feuereifer auf das neue Wissen, das es zu erwerben galt, und die Herausforderung, die seine Doktorarbeit darstellte. Darin beschäftigt er sich mit Flüssigkristallen, die in Flachbildschirmen, besser bekannt als LCD´s (Liquid Crystal Displays), eingesetzt werden. Bei seiner Forschungsarbeit untersucht der Doktorand die physikalischen Eigenschaften der Flüssigkristalle, um herauszufinden wie die Leistung der Bildschirme verbessert werden könnte. Die Daten, die er bei den Experimenten gewinnt, werden erfasst und mit Simulationsmodellen ausgewertet.

Das Verhältnis zu den einzelnen Professoren sei sehr gut und die Unterstützung und Zusammenarbeit gigantisch. „Mein Supervisor Steve läuft meist unrasiert herum und flucht auch mal kräftig, wenn etwas nicht klappt. Und ohne seine Tasse Tee ist er nur ein halber Mensch.“ Das Teetrinken konnte sich Claudius in seiner Zeit in England nicht angewöhnen, doch von fish and chips ist er begeistert. Oxford selbst sei eine unglaubliche Stadt mit einer einzigartigen Atmosphäre. Auch von den Engländern ist Claudius angetan. „Sie sind sehr höflich und respektieren sich gegenseitig. Außerdem stehen sie wirklich immer Schlange, genau wie im Klischee.“

Im März hat Claudius seine Doktorarbeit beendet und ist nach Deutschland zurück gekehrt. „Es war Zeit, wieder nach Hause zu kommen, denn ich bin inzwischen schon seit vier Jahren in England. Das Heimweh wurde stärker und der Wunsch, sich sesshaft zu machen.“ Wie es beruflich danach weiter geht, wartet er erst einmal ab. „Ich habe in meiner Zeit in Oxford viel gelernt und eine unglaubliche Unterstützung erfahren. Die Zeit war sehr intensiv und ich bin zum Teil an meine Grenzen gestoßen.“ Die steile Karriere, die Claudius seit der Hauptschule gemacht hat, sieht der 31-Jährige gelassen. „Die Hälfte war richtiges Timing und Glück oder Schicksal. Die andere Hälfte war eigenes Bemühen und eigene Anstrengung. Ich will immer mein Bestes geben und wenn es sein soll, dann soll es sein.“

Christine Gehringer

Dezember 2008



15.11.10
Students abroad in Konzepte

Alle Artikel über die Studierenden im Ausland finden sich auch in den Hochschulmagazinen.