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Öffentlichkeitsarbeit
und Wissenschaftskommunikation

2008

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Praxissemester in Indien


Ein Geländewagen brettert mit knapp 80 Stundenkilometern über die mehrspurige Straße, dabei wechselt er im Sekundentakt die Fahrbahn. Plötzlich tritt der Fahrer mit voller Wucht auf das Bremspedal – Grund dafür ist eine Kuh, die gemütlich mitten auf der Fahrbahn trottet. Anstatt ein Hupkonzert zu veranstalten, schleicht der Wagen im Schritttempo hinter dem Tier her. Szenen wie diese sind in Indien, wo Christoph Gremmelspacher derzeit sein Praxissemester macht, nichts Besonderes. Wäre es keine Kuh sondern ein Mensch gewesen, dann hätte der Fahrer übrigens laut geschimpft und wahrscheinlich nur leicht gebremst.


„Für einen Europäer wie mich ist Indien zunächst einmal einfach nur krass“, erzählt Christoph Gremmelspacher. Der Produktion- und Managementstudent verbringt sein zweites Praxissemester bei der Firma Amtek Tekfor, ein Jointventure der Neumayer Tekfor Holding GmbH. Diese liegt in Dahruhera, eine Stadt in der Nähe von Neu-Delhi. Anfangs hatte der Student einige Schwierigkeiten, sich in Indien einzuleben. „Man muss lernen, sich von bestimmten Gewohnheiten zu lösen und die Umstände hier als normal betrachten“, verrät er seine Strategie.

Dazu gehörte in den ersten Wochen zum Beispiel der Verzicht auf eine Dusche, wie man sie aus Deutschland kennt. In dem kleinen Appartement, das sich Christoph Gremmelspacher mit einem indischen Arbeitskollegen teilt, ist fließendes Wasser nicht immer vorhanden und geduscht wurde zunächst mit einem Eimer, aus dem man mit einem Kelch das Wasser schöpfte. Wer es gerne warm mochte, musste zehn Minuten warten – so lange dauerte es, bis das Wasser mit einem Tauchsieder auf die richtige Temperatur gebracht wurde. Einen Kühlschrank hat es anfangs nicht gegeben, und zum Kochen dient den beiden noch immer eine Herdplatte, wie man sie vom Camping kennt. „Mit solchen primitiven Dingen muss man schon erst einmal klar kommen“, sagt der 29-Jährige. Mittlerweile haben er und sein Mitbewohner sich einige Dinge angeschafft, die den Alltag ein wenig angenehmer machen.

Inzwischen hat er sich aber ganz gut eingewöhnt. Das ist sicherlich auch der ausgesprochenen Freundlichkeit der Inder zu verdanken. „Die Menschen achten ständig darauf, dass es einem gut geht und behandeln dich teilweise wie einen König“, berichtet der Student. Besonders im Norden des Landes werden Gäste teilweise den Göttern gleichgestellt und entsprechend behandelt. „Allgemein sind Inder äußerst religiös und stets darauf bedacht, nicht gegen ihre Religion und deren Vorschriften zu verstoßen.“ Diese Einstellung erklärt auch die kleine Bremseinalge vor der Kuh – für einen Hindu sind diese Tiere heilig und somit unantastbar.

Die Kühe sind zwar heilig – der Sonntag ist es hingegen nicht, zumindest was das Thema Arbeit angeht. Für Inder ist es ganz normal, sieben Tage die Woche zu arbeiten, ein Zwölfstundentag ist nichts Besonderes. Wenn Christoph Gremmelspacher an die Diskussion über die 41-Stundenwoche in Deutschland denkt, kann er deshalb nur lachen. „Es ist einfach eine ganz andere Welt hier, das kann sich meiner Meinung nach nur jemand vorstellen, der es mit eigenen Augen gesehen hat“, betont er. Auch der Arbeitsalltag ist komplett anders. „Hier herrscht oft die Einstellung: Was wir heute nicht erledigen, machen wir eben morgen.“ Das ist für pflichtbewusste Deutsche nicht immer einfach und kann manchmal ganz schön nervenaufreibend sein.

Trotzdem ist der Student überzeugt, dass es ihn beruflich weiterbringt. „Man muss hier sehr viel selbst anpacken und lernt, eigenständig zu arbeiten.“ Und auch persönlich sieht er eine große Bereicherung. Dazu gehören zum Beispiel viele neue Freunde, die Erfahrung im Umgang mit anderen Menschen und Kulturen und Einblicke in neue Sichtweisen. Außerdem ist sich Christoph Gremmelspacher sicher: „Nach dem halben Jahr werde ich auf jeden Fall wieder mehr auf die grundlegenden Dinge im Leben achten und diese auch wieder mehr schätzen. Wir Europäer merken schon gar nicht mehr, in welch einem Luxus wir überhaupt leben.“ Und auf eine Sache freut er sich bei seiner Heimkehr schon ganz besonders: „Schbäddzle mit Soß und ein Braten – und ein bissle Ruhe.“




19.10.10
Students abroad in Konzepte

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