Hochschule Ravensburg-Weingarten | Zurück zur Startseite

Erweitert »




Öffentlichkeitsarbeit
und Wissenschaftskommunikation

2008

« Zurück

Praxissemester auf den Philippinen


Nach einem scheinbar endlos langen Flug, zwei Tagen Stop-Over in Bangkok und etwa 18 Stunden Reisezeit landete ich in Manila International Airport. Schon hier begann das Abenteuer. Mit dem Fahrer der Familie fuhren wir zu ihr nach Hause und wurden während der Fahrt ganz schön durchgeschüttelt. Auch scheint die Hupe auf den Philippinen so eingesetzt zu werden wie in Deutschland das Blinkzeichen. Wildes und ständiges Wechseln de Fahrbahn machten meine erste Fahrt zum unvergesslichen Erlebnis.


Nach einer ereignisreichen Woche in Naga ging es dann auf zu meinem Endziel, dem Fatima Center (FACE), was für die nächsten fünf Monate meine Heimat werden sollte. Das FACE liegt in Iriga City, im Südteil der philippinischen Hauptinsel Luzon. Die Einrichtung bezeichnet sich selbst als NGO (non governmental organisation), es wurde 1974 von den beiden Ordensschwestern Felicitas und Lasalle gegründet. Ursprünglich wurden sie in diese Region gesandt, um sich um die Bergbauern zu kümmern. Sie stellten jedoch fest, dass ein Waisenhaus dringend notwendig ist. So entwickelte sich Stück für Stück das heutige Center. Mittlerweile ist es ein riesiges Areal mit Hauptgebäude, Kapelle, Schlafsälen für die Kinder, Schule, Fischzucht, Schweinezucht, Bäckerei, Näherei, Schumacherwerkstatt, Seifenfabrik, Obst- und Gemüseanbau. Der Leitspruch des FACE lautet „Where useless things are made useful.” Ziel ist es, den Menschen vor Ort Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Sie sollen lernen, sich autark zu versorgen, was in einem Land, das der Korruption über Maßen zum Opfer gefallen ist, von größter Bedeutung ist.

Ein Jesuitenbruder des Ateneo de Naga brachte mich nach Iriga. Als das Auto um die Ecke bog, kamen mir schon lachende Kinder entgegen und winkten mir zu. Ich hätte mir keinen schöneren Empfang vorstellen können. Die ersten Stunden im FACE verbrachte ich damit, mich auszuruhen und meine neue Umgebung zu erkunden. Neugierige Kinder beobachteten mich bei jedem Schritt, den ich außerhalb meines Zimmers machte und schenkten mir immer wieder ein freundliches Lächeln. Die ersten Annäherungsversuche waren somit gar nicht schwer und schon am Nachmittag saß ich mit einigen Kindern zusammen, die versuchten, mir Klatschspiele beizubringen. Auf einmal läutete eine Glocke und schon standen die Kinder auf, streckten mir ihre Hände entgegen und sagten „time to pray“. Da saß ich nun, inmitten meiner neuen, kleinen philippinischen Freunde in der Kirche und schon jetzt war ein Gemeinschaftsgefühl da, das sich in der nächsten Zeit noch intensivieren sollte.

Passend zum Tagesrhythmus in den Tropen (fünf Uhr morgens Sonnenaufgang, sechs Uhr abends Sonnenuntergang) stehen die Kinder und Schwestern hier im Center sehr früh auf. Mein Tagesablauf fing zum Glück ein wenig später an, um halb sieben gab es Frühstück. Grundsätzlich war mein Tag immer sehr flexibel gestaltet, je nachdem wo gerade Hilfe gebraucht wurde, klinkte ich mich ein. Was ich jedoch regelmäßig machte, war der Deutschunterricht in den verschiedenen Klassen. Meine erste Erfahrung mit einem Taifun ließ nicht lange auf sich warten, schon nach meiner zweiten Woche besuchte uns der erste Wirbelsturm. Dieser stellte sicher, dass wir für die nächsten Wochen genügend Arbeit hatten. Ich half so gut es ging beim Beseitigen seiner gewaltigen Spuren. Dächer wurden neu gedeckt, heruntergefallene Äste, Früchte und Blätter mussten versorgt werden und wir hatten für drei Wochen kein Strom.

Nach meinen Eindrücken hier vor Ort habe ich dann etwas Geld von Freunden, Verwandten und Bekannten zuhause erbeten und das gespendete Geld dem Fatima Center zukommen zu lassen. Die Kinder haben in der Woche vor Weihnachten zum Beispiel ihre Wunschzettel geschrieben und ich habe keinen einzigen gelesen auf dem der Wunsch nach einem Apfel fehlte. Des Weiteren ist die Seifenfabrik des FACE während des Taifuns schwer beschädigt worden. Diese war jedoch eine Einnahmequelle für das Center. Also war es wichtig, die Produktion so bald wie möglich wieder aufzunehmen. Dafür wurde allerdings auch Geld benötigt. Das Tolle daran war jedoch, dass wir lediglich das Material einkaufen mussten, die Arbeit konnten die älteren Jungs des FACE machen und so mussten wir keine Arbeiter und Arbeitsstunden bezahlen.

Die Taifune sind das Schrecklichste und gleichzeitig das Faszinierendste was ich in meiner Zeit auf den Philippinen erlebt habe. Nicht nur die Stürme selbst haben mich bewegt, sondern auch der Umgang der Menschen mit diesen Naturereignissen. Nach solch einem schweren Schicksalsschlag ist es erstaunlich, welcher Zusammenhalt untereinander herrscht und mit welcher Selbstverständlichkeit am nächsten Tag dem gewohnten Lebensrhythmus nachgegangen wird. Den letzten Taifun erlebte ich an einem freien Wochenende, das ich bei neugewonnenen Freunden verbrachte. Ich hatte anschließend einer meiner schönsten Abende. Da es keinen Strom gab, aßen wir bei Kerzenschein, es gab ein bisschen Reis mit einer Dose Tunfisch und danach haben wir uns die Stimme auf der Terrasse heiser geredet – die Alternative Fernsehen war lahm gelegt. Bis spät in die Nacht saßen wir da und im Hintergrund hörte man das Meeresrauschen.




19.10.10
Students abroad in Konzepte

Alle Artikel über die Studierenden im Ausland finden sich auch in den Hochschulmagazinen.