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Öffentlichkeitsarbeit
und Wissenschaftskommunikation

2008

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Mohammad Ali Chami liebt seine Olivenbäume und arbeitete als Lehrer für Taubstumme


Zehn Stunden pro Woche unterrichtete Mohammad Ali Chami taubstumme Schüler. „Das war kein normaler Job, sondern ein Anliegen“, erklärt er. Ein Jahr lang arbeitete der Libanese als Mathelehrer im ersten und einzigen Lernzentrum für Taubstumme in seinem Heimatland. Dabei ist der 24-jährige eigentlich Ingenieur. Seit September 2007 studiert er nun im englischsprachigen Masterstudiengang Mechatronics an der Hochschule Ravensburg-Weingarten.

Chami kommt aus dem Dorf Jarjoua im Südlibanon. Da sein Nachbar taubstumm ist, war er es gewohnt, sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Als Mathelehrer kam ihm diese Erfahrung dann zugute. Wichtig war es für ihn, den Schülern die Liebe zur Mathematik beizubringen. „Ich habe sie zwar unterrichtet“, erklärt der bescheidene junge Mann, „aber auch viel von ihnen gelernt.“ Zwar sind die taubstummen Schüler mit ihrem Abschluss später fertig als Gleichaltrige, aber ihnen wird durch dieses Lernzentrum ermöglicht, den gleichen Abschluss wie die anderen Schüler einer High School zu erlangen. Zum Teil studieren sie auch nach dem Schulabschluss.




Bevor Chami als Lehrer für Taubstumme arbeitete, studierte er Elektronik in Beirut. Doch im Libanon sind die Chancen auf eine Arbeitsstelle für junge Ingenieure schlecht. Kaum hatte Mohammad Ali Chami seine Abschlussarbeit abgegeben, nahm er eine Tätigkeit an, die mit seinem Studium vordergründig nichts zu tun hatte. Er arbeitete als Vorarbeiter auf einer großen Siemens-Baustelle. Am frühen Nachmittag fuhr der Student deshalb zwei Stunden lang mit dem Bus nach Norden. Die Nachtschicht dauerte von 18 bis 5 Uhr. Morgens ging es dann zwei Stunden zurück nach Beirut. „Endlich Zeit zum Schlafen“, meint Chami. Wieso er soviel Stress auf sich nahm? Ganz einfach: „Praktische Erfahrung ist nötig, um voranzukommen!“, meint der zielstrebige junge Mann.

Manchmal sind es auch Zufälle, die dem Leben die entscheidende Wende geben. Auf der Siemens-Baustelle traf er einen Ingenieur aus Hamburg, mit dem er regelmäßig ins Gespräch kam. Der Deutsche brachte den Libanesen auf die Idee, in Deutschland weiterzustudieren. Eigentlich wollte Chami sich in Aachen einschreiben. Nachdem er dort keinen Studienplatz erhalten hatte, stieß er im Internet auf das Stichwort „Weingarten“ und fragte sich: „Wo bitte liegt Weingarten?“ Als er sich näher mit der Hochschule befasste, gefiel sie ihm immer besser. Toll fand er den Anteil von zehn Prozent an internationalen Studierenden. Dieser zweite gute Eindruck hat sich bestätigt, seit Mohammad Ali Chami in Weingarten studiert. „Die Hochschule ist international ausgerichtet, Weingarten ist klein und beschaulich“, meint er, „es gibt wenig Verkehr und viel Natur.“

Die oberschwäbischen Äcker, Wiesen und Wälder erinnern den Mechatronics-Studenten an sein Heimatdorf. Zwar hat er in der Großstadt Beirut studiert, aber jedes Wochenende verbrachte er bei Familie und Freunden in Jarjoua. Die Eltern und Geschwister wohnen mit ihren Familien auf einem Berg, wenn auch in fünf verschiedenen Häusern. Von der Terrasse aus eröffnet sich ein wunderschöner Blick auf ein Mittelgebirge und unzählige knorrige Olivenbäume, die das Landschaftsbild bestimmen. „Ich bin Ingenieur“, erklärt Chami, „aber in meinem Dorf kann ich Mensch sein. Dort brauche ich kein Handy und kein Internet.“ Der 24-Jährige liebt es, den Acker umzugraben, Oliven zu ernten und Pfauen zu züchten. Mehr als 20 der bunten Vögel stolzieren inzwischen durch Chamis Gehege.

Die Wildschweinjagd ist eine weitere Leidenschaft des Studenten, die ihm sein Vater beibrachte und die er in Deutschland vermisst. Seine Studienkollegen in Deutschland sind immer entsetzt, wenn Chami ihnen erzählt, dass er gerne jagt. Doch man könne beim Jagen viel lernen, meint der Libanese, zum Beispiel Geduld. „Nachts um eins wartest du im stockdunklen Garten“, beschreibt Mohammad Ali Chami, „du musst vollkommen ruhig sein und darfst kaum atmen, wenn sich ein Wildschwein nähert.“ Da Wildschweine einen Menschen schon aus 100 Metern Entfernung riechen können, erfordert die Wildschweinjagd viel Disziplin. Das Tier erkenne man allein an seinen leuchtenden Augen. Eine einzige Chance habe man, um das Schwein zu treffen.

Derzeit arbeitet Mohammad Ali Chami an seiner Master-Thesis. Nach dem Studium möchte er im Libanon als Ingenieur arbeiten und mithelfen, sein Land nach den vielen Kriegen wieder aufzubauen. „Leider“, sagt er, „denken viele Europäer, wenn sie ‚Libanon’ hören, gleich an Terrorismus.“ Dabei habe der Libanon viele andere und faszinierende Facetten. Die Natur sei einzigartig und die Zedern des Libanon schon im Altertum berühmt. Doch der Libanon kann nicht nur mit einer wunderschönen Landschaft aufwarten, er ist auch die Tür von Europa nach Vorderasien. Und manchmal auch umgekehrt, wie das Studium von Mohammad Ali Chami in Oberschwaben beweist.



19.10.10
Students abroad in Konzepte

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