Hochschule Ravensburg-Weingarten | Zurück zur Startseite

Erweitert »




Öffentlichkeitsarbeit
und Wissenschaftskommunikation

2009

« Zurück


Wenn bei Stephen Kanga Armoo in Ghana Wochenende ist, verbringt er die Zeit entweder auf einer Beerdigung oder auf einer Hochzeit. „Mindestens dreimal im Monat lädt mich ein Freund oder Verwandter zu einem Familienfest ein“, erzählt er. Dass Ghanaer solche Feiern so sehr lieben, klingt in deutschen Ohren ungewöhnlich. Aber für Stephen, der an der Hochschule Ravensburg-Weingarten im Masterstudiengang Mechatronics studiert, zählen vor Party und Ausgehen Religion und Familie.




Auf eine Frage zu seiner Familie lacht er zuerst und fragt dann, wie Familie in Deutschland denn definiert wird. Schnell stellt sich heraus, dass hier schon die ersten Unterschiede zwischen Ghana und Deutschland auftauchen. Familie geht bei Stephen weit über das klassische Vater-Mutter-Kind-Modell hinaus, vielmehr gehören auch Verwandte dritten Grades noch dazu. Die Beziehungen untereinander sind sehr eng und seine Familie unterstützt ihn auch finanziell bei seinem Auslandsstudium.

„Es ist das Beste, in Deutschland zu studieren, hier ist man sehr weit fortgeschritten im Ingenieurwesen“, meint er. Das Studieren sei anders in Deutschland, viel selbstständiger. Sein Studienfach habe er deswegen gewählt, weil er ein begeisterter Mathematiker sei und es ihn schon immer interessiert habe, wie Dinge entstehen. In Ghana hat Stephen Elektrotechnik studiert und anschließend als Programmierer gearbeitet. Er wollte aber noch mehr über die Ingenieursarbeit wissen, deshalb entschied er sich für das Masterstudium in Weingarten. „Mein Wissen wird in meinem Land gebraucht und es gibt in den kommenden Jahren große Herausforderungen für Ghana“, sagt der 27-Jährige.

Doch auch wenn das Studium ihm gefällt, gibt er offen zu, dass er hier nicht glücklich ist. „In Ghana sind die Menschen viel offener, es ist viel leichter auf andere zuzugehen und dir wird immer geholfen.“ Stephen fühlt sich oft einsam in Deutschland, er habe zwar ein paar Freunde an der Hochschule, aber ansonsten habe er wenig Kontakt zu anderen Deutschen. „In Ghana ist das anders. Wenn jemand fremd ist, wird er sofort angesprochen.“

Ganz besonders macht ihm die Kälte zu schaffen, er habe schon im September Handschuhe getragen. „Ich wusste zwar, dass es kalt ist in Deutschland, aber ich wusste nicht, wie sich das anfühlt.“ Halt gibt ihm bei seinem Gefühl allein zu sein sicherlich die Religion. Stephen ist ein gläubiger Christ und lebt seinen Glauben. „Religion ist für mich sehr wichtig und eine der grundlegenden Fragen im Leben.“ Er erzählt, dass er jeden Tag betet und in der Bibel leist, währenddessen fangen seine Augen an zu leuchten und man kann deutlich sehen, wie sehr er sich dem Christentum verbunden fühlt.

Was ihm in Deutschland deshalb sehr fehlt, ist das Feiern des Sonntags. „Hier bemerkt man überhaupt nicht, ob Sonntag ist oder nicht. Sonntag ist in Deutschland wie jeder andere Tag.“ In Ghana ist der heilige Sonntag ein Fest, in der Kirche wird gesungen und getanzt. „In Ghana ist es viel lebhafter.“ Hier gehe er zwar auch sonntags in die Kirche, aber er habe sich in der Übersetzung verloren und es gefällt ihm nicht, dass man in Deutschland die ganze Zeit sitze.

Darum ist es nicht verwunderlich, dass es auch was Weihnachten anbelangt, große Unterschiede gibt. „Weihnachten wird bei uns auf der Straße gefeiert, nicht im Haus“, erzählt Stephen mit einem Hauch von Sehnsucht in seiner Stimme. Man sieht ihm an, dass er sein Land liebt und man sieht ihm auch an, dass er am liebsten auf der Stelle wieder zurück gehen würde. Denn es hat fast ein wenig den Anschein, als würde er außer den staufreien Straßen und dem Brot an Deutschland eher wenig Gefallen finden. Zuletzt sagt Stephen noch etwas sehr Entscheidendes, das wohl die Lebensfreude vieler Afrikaner auszeichnet: „Für uns ist Glück andere Menschen um uns zu haben, denn Glück ist nicht Geld.“

Viten:
Stephen Kanga Armoo, geboren 1982, in Ghana, studierte in der Hauptstadt Accra Elektrotechnik und arbeitete danach als Programmierer. Seit September 2008 studiert er Mechatronics in Weingarten. Seine Hobbys sind Fußball und Musik, vor allem Gospelsongs.





15.11.10
Students abroad in Konzepte

Alle Artikel über die Studierenden im Ausland finden sich auch in den Hochschulmagazinen.