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Öffentlichkeitsarbeit
und Wissenschaftskommunikation

2009

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Eine Isländerin erlebt Weingarten


Das hätte Lydia Ruth Thrastardottir nicht erwartet: freilaufende Affen, dröhnende Gewitter, riesige Pferde, Segeln im eigenen Boot und sich draußen im Kalten aufhalten müssen, obwohl es drinnen doch viel wärmer ist. Seit Februar studiert die Isländerin Betriebswirtschaft/Management in Weingarten und entdeckt Spannendes und Komisches in Süddeutschland.




Dass ihr dabei eine große Bandbreite geboten wird, liegt sicherlich an Annemarie Stump und Herbert Jehle, ihren Paten im Brothers and Sisters-Programm. Bei ihnen hat Lydia zum ersten Mal Spätzle gegessen, mit ihnen erlebte sie den Blutritt, sie haben das Segelboot am Bodensee und fahren mit ihr zu Ausflugszielen, die die Studentin sich nicht erträumt hatte. „Dass es hier einen Affenberg gibt, auf dem die Tiere tatsächlich frei leben und ich sie hautnah bewundern kann, hat mich wirklich umgehauen.“ Seit dem Besuch des Salemer Affenbergs ist dieser ihr erklärtes Lieblingsausflugsziel.

Und dennoch passiert dort in unmittelbarer Nähe etwas, das für Lydia unbegreiflich ist: Es kostet Eintritt, um im Park von Schloss Salem spazieren zu gehen. „Also in Island ist der Aufenthalt in der Natur umsonst!“ Sie empfinde es als typisch Deutsch, dass man für alles Eintritt zahlen müsse. Ein schlechtes Bild von Deutschland hat sie trotzdem nicht, dafür sorgen auch Annemarie Stump und Herbert Jehle.

„Anfangs hatten wir leise Zweifel, ob wir nicht zu alt sind, um bei diesem Patenprogramm mitzumachen“, erzählt der 65jährige Großhandelskaufmann. Die Bedenken wurden nach dem ersten Kennenlernen jedoch sofort zerstreut. „Wir waren uns auf Anhieb sehr sympathisch, besser hätte es gar nicht passen können“, schwärmt seine Lebenspartnerin. Lydia ist sehr interessiert an Deutschland und möchte so viel wie möglich kennenlernen. „Die beiden haben meinen Terminkalender“, grinst die Studentin „dann wissen sie genau, wann ich Zeit habe und können unsere Ausflüge entsprechend planen.“

Schätzungsweise hat Lydia Thrastardottir mehr von Süddeutschland gesehen als so mancher Weingartner Student. Dass sie sich bewusst für Deutschland entschieden hatte, obwohl sie die Erste von ihrer Universität ist, hat sich also gelohnt. Außerdem ist sie Stipendiatin des Baden-Württemberg-Stipendiums, was ihr den Aufenthalt in Deutschland ohne finanziellen Druck ermöglicht. Für die tolle Freizeitgestaltung revanchiert sie sich bei ihren Paten. Einmal kochte sie ein typisches isländisches Essen, geräuchertes Lamm und Rotkohl, dazu gab es Malzbier mit Orangensaft. Für die beiden Ravensburger ein Erlebnis. „Dieses typische Getränk hört sich in der Zusammensetzung wirklich seltsam an, schmeckt aber gut“, berichtet Annemarie Stump. Und das Essen ist nicht das Einzige, was das Paar an Isländischen Gepflogenheiten mitbekommen hat.

Auffällig ist, dass die 23-Jährige vielen Leuten begegnet, die sich gar nicht vorstellen können, dass sie aus Island stammt. „Alle denken immer, bei den Temperaturen hier in Deutschland müsste ich die ganze Zeit im T-Shirt rumlaufen, dabei friere ich genauso wie alle anderen“, erklärt Lydia. Bei ihr zu Hause ist es nicht so kalt, wie viele denken. „Aber wenn es kalt ist, dann sind haben alle richtig warme Kleidung an“, erklärt sie. Die Studentin erzählt von einem Ausflug der Hochschule nach Konstanz im Februar, es war sehr kalt. „Ich konnte echt nicht begreifen, dass wir uns bei winterlichen Temperaturen die Stadt angeschaut haben und uns fast die Füße eingefroren sind“, erzählt sie. Für sie sei es ganz logisch, dass man sich nicht so lange draußen aufhalte, wenn es kalt ist. „Diese Unterschiede mitzubekommen ist es, was uns beim gegenseitigen Kennenlernen so großen Spaß macht“, erklärt Herbert Jehle.

Überraschend ist auch Lydias Beschreibung ihres ersten Gewitters in Weingarten. „In Island gibt es keinen Donner und Blitz“, erklärt sie, „hier bin ich einmal nachts aufgewacht, hab aufrecht im Bett gesessen und dachte für den ersten Moment, eine Bombe schlägt ein!“ Sie hatte überhaupt nicht mit solch einem Lärm gerechnet, den hierzulande ein Unwetter erzeugen kann. Inzwischen ist jedes Gewitter für sie ein kleines Abenteuer, das sie richtig spannend findet.

Das Highlight in der inzwischen langen Liste an Erlebnissen ist ohne Zweifel das Abschiedsgeschenk von Annemarie Stump und Herbert Jehle an Lydia: Die Beiden haben Karten für Aida auf der Seebühne Bregenz gekauft, und alle waren schon einmal dort, um sich umzuschauen. „Die Kulisse der Seebühne ist einfach fantastisch“, freut sich die Studentin auf den Opernbesuch. Der Abschied danach wird allen schwerfallen, aber es gibt ein kleines Trostpflaster: Für nächstes Jahr haben die zwei Ravensburger einen Islandurlaub fest eingeplant. „Dann kann ich meinen Paten etwas von dem zurückgeben, was sie mir hier alles geschenkt haben und ihnen mein Land zeigen“, freut sich Lydia auf den Besuch.


Info: Das Brothers and Sisters Programm ist eine Initiative des International Office der Hochschule Ravensburg-Weingarten und dem Bürgerbüros Ravensburg. Bürgerinnen und Bürger müssen sich schriftlich dafür bewerben. Ausländische Studierende melden sich während der„Welcome-Days“, veranstaltet vom International Office, für das Programm an. Zu Beginn des Semesters lernen sich Brothers and Sisters und Studierende beim „Get Together“ kennen, einer gemeinsamen Veranstaltung des International Office’ der Hochschule Ravensburg-Weingarten und des Bürgerbüros Ravensburg.


Lydia Ruth Þrastardóttir wurde 1986 in Dänemark, geboren. Seit 2007 studiert die Isländerin Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Reykjavik, ihren Bachelorabschluss wird sie voraussichtlich im Juni 2010 machen. Ihre Hobbies sind Reisen, Lesen und Handarbeiten.

Annemarie Stump wurde 1950 in Kempten geboren und ist in Hamburg aufgewachsen. Die Steuerfachgehilfin hat zwei Kinder und zwei Enkel. Ihre Hobbies sind Wandern, Radfahren, Segeln und Golfen

Herbert Jehle wurde 1944 in Ravensburg geboren und ist in Weingarten aufgewachsen. Der Großhandelskaufmann hat einen Sohn. Seine Hobbies sind Segeln, Skifahren am Arlberg, Wandern und Golfen.

Von Uta Heinemann





15.11.10
Students abroad in Konzepte

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