Hochschule Ravensburg-Weingarten | Zurück zur Startseite

Erweitert »




Öffentlichkeitsarbeit
und Wissenschaftskommunikation

2009

« Zurück

Indischer Student im Bendiktinerkloster


Was kann einer werden, wenn acht Onkel Priester und zehn Tanten Nonnen sind? Wundert es in einem solchen Fall, dass Ajoy George seiner Verwandtschaft nacheifert und im Benediktinerkloster Weingarten lebt? Mit seiner schwarzen, gegürteten Tunika, die er sich in Indien hat anfertigen lassen, ist er von den Mönchen nicht zu unterscheiden. Religion ist dem jungen Mann sichtbar wichtig, trotzdem ist er kein Mönch, vielleicht könnte man ihn als „Mönch auf Zeit“ bezeichnen. Ajoy George hat in Indien Maschinenbau studiert. „Ich komme aus einer naturwissenschaftlichen Familie“, erzählt er. Sein Vater ist Ingenieur, die Mutter Chemieprofessorin.



Ein Widerspruch? Nur scheinbar. Welt und Religion sind für den 28-Jährigen keine Gegensätze, genauso wenig wie für Prior Basilius Sandner Kloster und Welt unversöhnlich sind. „Eine benediktinische Gemeinschaft ist offen für die Menschen“, erklärt der Prior. „Gäste hatten wir schon immer.“ Studenten sind jedoch, zumindest in Weingarten, etwas Neues. Vor etwas mehr als fünf Jahren wohnte für kurze Zeit erstmals ein Student bei den Mönchen, der aus Kamerun stammte. Der Inder Ajoy George begann 2004 sein Mechatronics-Studium an der Hochschule und suchte den Kontakt zu einer Kirchengemeinde. Er ministrierte in der Basilika, wie er es vorher in Indien getan hatte. Von seinem afrikanischen Kommilitonen erfuhr er vom „Wohnheim“ im Kloster, in das er 2005 einzog.

„Hier gibt es keine Partys“, sagt Ajoy George lächelnd. „Hier habe ich meine Ruhe.“ Im nächsten Satz betont er, dass er selbstverständlich auch Studentenpartys besuche, doch im damaligen Argonnenwohnheim hätten die Partys überhand genommen. Direkt neben Ajoy Georges Bude befand sich die Küche, die sich jeden Abend in eine Partyküche verwandelte.

Im Benediktinerkloster Weingarten hat der junge Inder nicht nur ein Zimmer, sondern ein Zuhause gefunden. Jeden Freitag nach der Arbeit bei Diehl Controls in Wangen kehrt er für das Wochenende in sein Kloster zurück. Lebten 2004 noch zwölf Mönche hinter Klostermauern, so sind es fünf Jahre später gerade noch fünf. Im großen Esssaal, in dem 50 oder noch mehr Mönche Platz hätten, verlieren sie sich fast. Während Pater Thomas Ruoss aus einem der Evangelien vorliest, schöpfen die Mönche und Ajoy George sich die Suppe ein. Die Lesung ist vorbei und die Tischmusik beginnt: Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6. Die Männer in ihren schwarzen Tuniken lauschen schweigend, nur das Besteck klappert.

Musik ist wichtig im Kloster, auch deshalb ist Ajoy George bei den Benediktinern gern gesehen. „Er kann toll singen und ist eine Stütze für den Chor“, lobt Pater Thomas. Der Tag im Kloster ist durch Gottesdienste geprägt, jeder Gottesdienst durch Chorgebet, Lesung und liturgischen Gesang bestimmt. „Ajoy George bringt sich ganz ein“, würdigt Prior Basilius Sandner. Samstags und sonntags feiert der junge Inder mit den Mönchen um 9 Uhr das Konventamt in der Basilika, um 12 Uhr das Mittagsgebet, um 18 Uhr die lateinische Vesper und um 19.30 Uhr den Abendsegen. Am „Gotteslob“ um 6.30 Uhr beteiligt er sich nicht. Am Wochenende sei ihm dies zu früh, meint Ajoy George. Die Mönche haben dafür Verständnis. „Diese Freiheit hat ein Gast“, meint der Prior lächelnd.

Für Ajoy George kommt das Benediktiner Kloster einem Jungbrunnen gleich. Von den Werktagen ziemlich „entladen“, lädt er samstags und sonntags seinen Akku neu auf, bis der wieder vor Energie übersprudelt. Im Kloster kann der junge Mann nicht nur Kraft sammeln und seinen Glauben praktizieren, sondern er hat auch Dinge gelernt, die unter der Woche für den deutschen Alltag wichtig sind. Zuerst haben die Mönche mit ihm Englisch geredet, haben aber schnell auf Deutsch übergewechselt. Inzwischen versteht Ajoy George auch schon in Maßen schwäbisch. „Ha, noi!“, demonstriert er fröhlich.

„Im Kloster“, erklärt der Prior, „geht es zu wie in einer großen Familie.“ Die Vorstellung, die Mönche säßen in ihren Klosterzellen, sei genauso falsch wie der Gedanke, sie würden ausschließlich asketisch leben. Zwar werde oft geschwiegen, aber auch diskutiert und freundlich gestritten. Zum Beispiel mit Ajoy George. Der Inder als Vertreter der Ostkirche wünscht sich mehr Rituale, Latein und Weihrauch, während der Prior für eine reduzierte und deutsche – und damit typisch westliche – Form der Andacht eintritt. Und wie in einer Familie hat auch im Kloster Weingarten jeder der Mönche und Gäste seine Stärken – und kleinen Schwächen. Ob die Mönche denn über den Gesang hinaus von Ajoy George profitierten? „Auf jeden Fall“, erklärt der Prior. „Ich brauche Ajoy für meinen Computer und die Website.“

Ajoy George, geboren 1981, Indien, arbeitet als Ingenieur bei Diehl Controls in Wangen und studiert International Business Management (Master) an der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Bevor er seinen Master-Abschluss im Studiengang Mechatronics in Weingarten machte, studierte er Maschinenbau an der University of Science and Technology in Cochin (Kerala). Der Inder ist katholisch und lebt am Wochenende im Benediktinerkloster Weingarten.

Von Tove Simpfendörfer




03.11.10
Students abroad in Konzepte

Alle Artikel über die Studierenden im Ausland finden sich auch in den Hochschulmagazinen.