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Öffentlichkeitsarbeit
und Wissenschaftskommunikation

2011

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Praxissemester in Kisumu


Karibu heißt willkommen und ist sicherlich eines der Wörter, die ich während meines praktischen Semesters in Kisumu, Kenia, am häufigsten gehört habe. Vor allem die Gastfreundschaft und Offenheit der Menschen, denen ich begegnet bin, haben mein Praxissemester in Kisumu zu einer wunderbaren Erfahrung gemacht.
Selbstverständlich habe ich mich (wie als Europäer üblich) bestens auf meinen Auslandsaufenthalt vorbereitet: Bücher gewälzt, Erfahrungsberichte gelesen, erste Kisuaheli-Kenntnisse angeeignet, aber auf das Eintauchen in eine komplett andere Welt kann man sich nicht wirklich vorbereiten.



Kisumu ist mit rund 323.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Kenias, von der Größe mit Mannheim zu vergleichen. Die Lebensbedingungen der Menschen unterscheiden sich jedoch grundlegend voneinander. Nur die wenigsten Haushalte verfügen über fließendes Wasser, und dies ist sogar im größten Krankenhaus der Stadt und Region Mangelware. Im New Nyanza Provincial General Hospital verbrachte ich die ersten sechs Wochen meines Aufenthaltes und konnte mir als Hebamme und Pflegepädagogikstudentin einen Eindruck über das hiesige Gesundheitssystem und die dortige medizinische Betreuung von Schwangerschaft und Geburt machen.
Trotz der eingeschränkten Ressourcen versuchen die Pflegekräfte (meist) das Beste aus ihrer Lage zu machen und waren vor allem mir als Studentin gegenüber immer offen und hilfsbereit. Kinder haben einen hohen Stellenwert; Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett werden jedoch als etwas Normales betrachtet. Väter sind (wie bei uns noch vor einigen Jahren) nicht anwesend bei der Geburt, um ihre Frauen zu unterstützen, und den Einsatz von Schmerzmitteln zur Wehenerleichterung konnte ich während meines Einsatzes im Kreißsaal kein einziges Mal beobachten.
Allgemein musste ich bewundern, wie geduldig sich Kenianer im Vergleich zu uns Deutschen verhalten und wie viel Wert auf das Miteinander gelegt wird. Sich nicht ausgiebig zu begrüßen oder in Eile zu sein, gilt als äußerst unhöflich. Die Familie lebt enger zusammen. Spannend war der morgendliche Ablauf in den Familien, die ich besucht habe: Die Familie meiner Lehrerin bestand aus ihr, fünf erwachsenen Töchtern, die bis auf eine, alle auch morgens das Haus verlassen und den zwei kleinen Enkelkindern.
Aufgestanden wird gegen 5 Uhr, wenn die Sonne aufgeht. Dann wird auf der Gas- oder Kohlenkochstelle für die ganze Familie Wasser aufgewärmt und gleichzeitig das Frühstück vorbereitet: Die jüngeren Leute bevorzugen hier weißes Toastbrot, Margarine und Marmelade. Die älteren Leute nehmen z.B. Mais mit Bohnen (auch zum Frühstück!) zu sich. Die kleinen Kinder bekommen "Uji", das ist süßer Porridge. Zeitgleich wird meistens noch die Kleidung gebügelt, die an dem Tag getragen wird. Der Haushalt meiner Lehrerin bestand (zum Glück) nur aus Frauen. Sind noch Männer mit im Haushalt bedeutet dies, dass alle um sie herum arbeiten und ihnen das Frühstück reichen, sie als erstes "ihr Bad nehmen" dürfen und sie natürlich nicht selbst ihre Kleidung bügeln müssen.
Kinder nehmen überall teil. Es gibt wenig Bereiche, von denen sie ausgeschlossen werden. Sie spielen mit allem, auch mit Gläsern mit Saft, und wenn etwas danebengeht, ist es halt so. Kleidung ist da, um getragen zu werden. Es gibt zwar spezielle Kleidung, die sonntags getragen wird, aber wenn diese dreckig wird, ist es kein Weltuntergang. Während wir in Deutschland peinlich auf die Schlafzeiten von Kindern achten, schlafen die Kinder in Kenia, wenn sie müde sind, und dann ist die Umgebung auch egal. Ob in einem vollbesetzten Bus mit sehr holpriger Straße oder in einem sehr belebten und lauten Wohnzimmer, das Einschlafen funktioniert problemlos. Als ich von unserer "Gute-Nacht-Tradition" erzählt habe mit Einschlafgeschichten, am Bett sitzen, haben mich unsere Freunde nur verwundert angesehen.
Zurück in Deutschland versuche ich ein Stück vom kenianischen Lebensgefühl zu bewahren: Familie und Freunde nie (oder so wenig wie möglich) hinten anzustellen. Mehr Geduld an den Tag zu legen, die Uhr nicht immer im Blick zu haben und auch einfach mal nichts tun zu können. Das einzige, was fehlt, ist die kenianische Sonne, die zuverlässig jeden Morgen scheint.

Daniela Kahlke, Jahrgang 1981, machte nach dem Abitur eine Ausbildung als Hebamme, arbeitete fünf Jahre an verschiedenen Kliniken und war nebenher noch freiberuflich tätig (Vorsorge, Geburtsvorbereitungskurse, Wochenbettbetreuung). Seit dem WS 08/09 studiert sie Pflegepädagogik an der Hochschule Ravensburg-Weingarten. In ihrer Freizeit ist sie gerne in den Bergen unterwegs oder liest ein gutes Buch.

Text: Daniela Kahlke




07.07.11
Students abroad in Konzepte

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