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Mit Praktikum in Ghana fachlichen und persönlichen Horizont erweitern


Jana Marie Schmid ist 24 Jahre alt und studiert Soziale Arbeit an der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Von März bis August 2017 war sie in Ghana, um bei der Organisation First Step Foundation ihr Praxissemester zu absolvieren.



Franziska Mayer: Jana, warum ein Praxissemester im Ausland und warum ausgerechnet Ghana?

Jana Marie Schmid: Schon seit Anfang meines Studiums hatte ich den Wunsch, mein Praxissemester im Ausland zu machen. Von 2014 bis 2015 habe ich bereits als Freiwillige in einer Klosterschule in Offinso, im Zentrum Ghanas, mitgearbeitet. Während dieser Zeit konnte ich viele Freundschaften schließen, doch so richtig „angekommen“ war ich damals erst nach fünf Monaten. Bei der Entscheidung für den Praktikumsort spielte daher auch der Umstand eine Rolle, dass ich die örtlichen Gegebenheiten hier in Offinso schon kannte. Ich dachte, dass es mir so sicher leichter fallen würde, mich schnell wieder einzuleben. Und so war es dann auch.

Was genau gefällt dir so an dem Land?
An Ghana faszinieren mich zum einen die wunderschöne Natur mit ihren Regenwäldern, Wasserfällen und Stränden. Zum anderen gefallen mir die unzähligen Stoffe, aus denen die bunten Kleider gemacht sind. Die tragen die Menschen vor allem beim Sonntagsgottesdienst. Beeindruckend finde ich den tiefen Glauben der Menschen und das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionen. Ich selbst lebe hier in einer interkonfessionellen Gastfamilie: die Mutter ist Muslimin und der Vater ist Christ. Vielleicht können wir in diesem Aspekt noch viel von den Ghanaern lernen.

Wie erlebst du den Alltag in Ghana?

Einen typischen „Kulturschock“ hatte ich nicht. Vieles war mir ja schon bekannt. Mit den Einheimischen verstehe ich mich ganz gut. Die meisten, denen ich bisher begegnet bin, waren sehr offen, interessiert und gastfreundlich. Es ist wie überall auf der Welt: Mit manchen Menschen verstehe ich mich gut und mit anderen weniger. Die größte Schwierigkeit ist die Sprache. Ich lerne zwar fleißig die regionale Sprache Twi aber für tieferführende Gespräche reicht es leider noch nicht aus. Mit den Menschen, die Schulbildung erhalten haben, kann ich mich aber ganz gut auf Englisch unterhalten. Neben dem Praktikum besuche ich fast jedes Wochenende Freunde und mache viele Ausflüge.

Warum fiel die Entscheidung für die First Step Foundation?

Ein Freund, den ich bei meinem ersten Besuch in Ghana kennen gelernt habe, hat mich auf die First Step Foundation (FSF) aufmerksam gemacht. Die Mutterorganisation der FSF hat ihren Sitz in Deutschland. Was ich so überzeugend an der Stiftung finde ist deren Nachhaltigkeitsgedanke. Zum einen könnte die First Step Foundation auch ohne Spenden auskommen und soll sich in den nächsten Jahren selbst tragen. Zum anderen wird auf die Nachhaltigkeit der Arbeit der hier unterstützten Frauen besonderen Wert gelegt.

Was genau macht die Stiftung?

Die First Step Foundation vergibt Mikrokredite mit geringem Zinssatz an die ärmsten Frauen der Gesellschaft. Meist sind diese geschieden, alleinerziehend und/oder haben keinen Schulabschluss. Viele der Frauen sind HIV-positiv, weswegen die FSF auch gegen Diskriminierung und Stigmatisierung kämpft. Mit dem Geld eröffnen die Frauen kleine Geschäfte, wie zum Beispiel einen Obststand, oder sie verkaufen Brot oder andere alltägliche Dinge. Einmal im Monat trifft sich eine Selbsthilfegruppe, die von dem Chef der Organisation geleitet wird. Es gibt zwei weitere festangestellte Mitarbeiterinnen und einen ghanaischen Freiwilligen, der allerdings nur ab und zu vorbeikommt, um für sein Studium in England zu recherchieren bzw. zu forschen.

Welche Aufgaben hast du als Praktikantin?
Mein Aufgabenbereich umfasst die Begleitung der Klientinnen. Ich nehme Rückzahlungen entgegen und besuche die Frauen, um zu sehen wie ihr Geschäft läuft oder ob sie Probleme haben. Bevor ein Kredit, der bei circa 100 bis 150 Euro liegt, überhaupt ausgehändigt wird, müssen die Frauen einen Fragebogen ausfüllen. Da nur zwei Prozent unserer Klientinnen Englisch sprechen, brauche ich oftmals jemanden, der für mich Twi übersetzen kann. Danach werden die Häuser der Klientinnen lokalisiert, um sicher zu gehen, ob ihre persönlichen Angaben stimmen.
Zusammen mit dem Freiwilligen habe ich einen Fragebogen speziell für Frauen entwickelt, die einen Zweitkredit bekommen haben. Die Frauen können durch das zusätzliche Geld ihr Geschäft vergrößern und auch selbst Arbeitsplätze schaffen. Der Fragebogen soll aufzeigen, wie und ob der Zweitkredit den Frauen hilft oder ob sie mehr Unterstützung brauchen. Ansonsten erledige ich im Büro alle Aufgaben, die zusätzlich anfallen.
Mittwochvormittags bin ich immer in der HIV-Klinik, um mit Betroffenen zu reden oder mit freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Aidspräventionsaktionen durchzuführen. Ab und zu verbringe ich auch Zeit im Sozialamt, um mehr über die sozialen Strukturen und die Einzelfallhilfe hier in Ghana zu lernen.

Was gefällt dir und was gefällt dir nicht an deiner Arbeit?

An meiner Arbeit fasziniert mich immer wieder, wie sich die Frauen entwickeln und mit dem Kredit bzw. durch das Geschäft etwas in ihrem Leben verändern können, und dass sie das aus eigener Kraft schaffen. Die schönsten Momente sind für mich, wenn ich merke, dass wir wirklich dazu beitragen können, einigen Frauen aus der Armut zu helfen. Sie sind jetzt selbständig und können für ihre Kinder sorgen und sie zur Schule schicken.
Besonders schlimm ist es, wenn in der Aids-Klinik Kinder bzw. Kleinkinder ihr endgültiges Testergebnis bekommen und das positiv ausfällt.

Würdest du das Praktikum empfehlen?
Auf jeden Fall. Ich lerne, wie Soziale Arbeit in einem anderen Land funktioniert. Dieses Wissen kann ich mit der Theorie und den sozialen Strukturen in Deutschland verknüpfen und das Beste aus beiden Perspektiven für mein Studium und späteren Beruf herausholen. Außerdem erlerne ich interkulturelle Kompetenzen, was gerade in Deutschland immer wichtiger wird. Das alles wird mir sicher auch im Berufsleben weiterhelfen.
Und auch für mich persönlich finde ich es eine enorme Bereicherung, den eigenen Horizont zu erweitern und vorhandene Vorurteile abzubauen. Ich habe mich in der Zeit in Ghana weiterentwickelt. Ein Auslandspraktikum ist eine tolle Gelegenheit, über den eigenen Tellerrand zu schauen und einen Einblick in das Leben der Menschen aus einem anderen Land zu bekommen. Jederzeit also wieder.






16.03.18