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Informatikstudent gewährt Einblicke in Praktikumsalltag in Japan


„Am Anfang habe ich unwissentlich Kolleginnen aus der Küche verscheucht, wenn ich mir Kaffee holen wollte“, erzählt Fabian Hafen lachend. Es sei Unsitte, ungefragt einen Raum wie die Kaffeeküche zu betreten, wenn da schon Personen sind. „In Japan ist es dann höflicher, draußen zu warten.“ Es ist eine der vielen kulturellen Besonderheiten, die der Student der Hochschule Ravensburg-Weingarten während seines Auslandspraktikums bei der Volkswagen Gruppe erlebt hat. Im Skype-Gespräch mit sieben Stunden Zeitunterschied beschreibt Fabian Hafen seine Erlebnisse und Eindrücke als Praktikant in Japan.



Einen klassischen Kulturschock erlebte der gebürtige Ravensburger, der im achten Semester Angewandte Informatik studiert, in Japan nicht. Das lag auch daran, dass ihm das Land durch vorherige Reisen nicht ganz fremd war. Bereits vor seiner Ausbildung zum IT-Systemkaufmann hatte er dort eine einmonatige Backpacker-Tour gemacht und war dann vor zwei Jahren noch einmal zu Besuch im ostasiatischen Inselstaat. Beeindruckt von Menschen und Kultur wählte er Japan schließlich für sein Auslandspraktikum im Sommersemester 2017. Drei Semester lang hatte er einen Japanisch-Sprachkurs an der Hochschule in Weingarten belegt. Trotzdem landete er am Anfang nicht nur in der Frauentoilette, sondern auch das ein oder andere Mal im bekannten Fettnäpfchen. „Die Betonung ist bei der japanischen Sprache, die über drei verschiedene Alphabete verfügt – davon eines rein für alle nicht-japanischen Begriffe - das A und O“, erklärt der 32-Jährige. „Bei falsch ausgesprochenen Silben kann das schnell zu Missverständnissen führen.“

Doch auch auf die deutsche Sprache musste er nicht ganz verzichten. Fabian Hafen absolvierte sein Praktikum bei der Volkswagen Gruppe Japan in Toyohashi, einem Joint Venture der Volkswagen AG. In der deutschen Firma gab es neben dem deutschen Geschäftsführer auch einige deutsch sprechende Mitarbeiter. „In der IT-Abteilung war ich von 15 Leuten aber der einzige Deutsche“, sagt Fabian.

Toyohashi ist Hauptimportstelle Japans für die hiesige Automobilindustrie. Aufgrund der Gesetzgebung seien dort viele extreme Marktanpassungen zu finden. „Es gibt zum Beispiel andere Elektronikstandards und Linksverkehr, das macht ein Praktikum bei einem Automobilkonzern hier in Japan umso spannender“, erklärt der HRW-Student. Auch wenn Toyohashi mit 350.000 Einwohnern unter den Japanern als „ländlich“ gilt, so ist es doch auch eine Autostadt. Während Fabian gerne zu Fuß unterwegs war, können die meisten Japaner auf ihre kleinen Hybrid-Elektroautos im Alltag nicht verzichten.

Franziska Mayer: Was genau waren deine Aufgaben als Praktikant?
Fabian Hafen: Ich habe bei einem großen Umstrukturierungsprojekt im Bereich der Datenbanken und Datenanalyse mitgewirkt. Schon in Deutschland habe ich von dem Projekt gehört und mich daraufhin initiativ für ein Praktikum bei der VW Group in Japan beworben. Im Detail ging es darum, Verkaufs- und Registrierungszahlen der Autos von VW auszuwerten. Bei 750 Händlern in Japan ist es für die Firma interessant, wie viele Autos registriert sind und wo. Das Thema Auswertung von Unternehmensdaten gehört zum Bereich „Business Intelligence“, mit dem ich mich schon als Werkstudent bei Vetter Pharma in Ravensburg drei Jahre lang beschäftigt hatte.

Wie war die Zusammenarbeit mit deinen japanischen Kolleginnen und Kollegen?
Mit der japanischen Arbeitskultur kam ich nicht so klar. Es schien mir so, als würden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht primär nach der Qualität ihrer Arbeit, sondern nach der Länge ihres Arbeitstages bewertet. Die meisten beendeten ihre Arbeit gegen 16 Uhr, saßen aber dann noch mindestens zwei bis drei Stunden an ihren Arbeitsplätzen und drehten sozusagen Däumchen. Seltsam war für mich ich auch diese absolute Ruhe in dem Großraumbüro, von Deutschland war ich da eine andere Lautstärke gewohnt.
Die Japaner sind sehr nette und höfliche Leute. Regel Nummer eins: Bloß keinem zur Last fallen und mit einer Verbeugung immer Respekt zeigen. So richtig aufgeblüht sind meine japanischen Kollegen beim „Nomikai“. Das ist ein Trink- und Gesprächsmeeting, oft auch spontan nach Feierabend. Meistens wurde da Bier oder Reisschnaps getrunken. Der Vorgesetzte hat das Ganze dann bezahlt.

Welche kulturellen Besonderheiten hast du im Alltag erlebt?

Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, ein Bankkonto zu eröffnen. Die Japaner unterschreiben nicht, sondern benutzen dafür einen Stempel mit Familienwappen oder einem anderen individuellen Zeichen, dem sogenannten „Hanko“. Ich hatte natürlich keinen Stempel. Nur nach langer Diskussion mit einem Filialmitarbeiter akzeptierte die japanische Postbank als einzige Bank meine Unterschrift. Ziemlich praktisch waren die vielen Convenience-Stores, die rund um die Uhr geöffnet hatten und wo man von Drogerieprodukten bis Nahrungsmittel einfach alles kaufen konnte. Zum Essen muss ich sagen: Die Qualität, besonders vom Gemüse, war vom Feinsten.

Rund um die Uhr sind auch die vielen Manga-Cafés und Karaoke-Bars geöffnet. Viele Einheimische übernachten dort sogar in den vorhandenen Schlafräumen, falls es spät wird. Karaoke-Bars sind wirklich kein japanisches Klischee, sondern gehören zu einem gelungenen Abend einfach dazu. Lieder wie „99 Luftballons“ und „Dschinghis Khan“ sind da die deutschen Klassiker, die ich natürlich auch mal zum Besten geben musste.

Und was hast du – außer Karaoke – in deiner Freizeit gemacht?

Mittwochabend war immer Fußball angesagt mit Mitarbeitern von Volkswagen. An den Wochenenden war ich dann auf Festivals unterwegs oder habe mit Freunden Ausflüge zu den vielen Burgen und Schreinen unternommen. Japan ist ein Land mit viel Kultur und Geschichte, und dem größten Planetarium der Welt. Durch den japanischen Schnellzug hat man hier den Vorteil, schnell von A nach B zu kommen. Das habe ich natürlich ausgenutzt.

Was würdest du sagen, hat dir das Auslandspraktikum gebracht?
Vom fachlichen Standpunkt aus gesehen ist so ein Praktikum eine sehr gute Erweiterung zum theoretischen Wissen, das man sich als Student an der Hochschule aneignet. Zum Beispiel die Vorlesungen zu Datenbanksystemen können gar nicht so vertiefend sein, wie ich es in der Praxis bei VW erlebt habe. Ich durfte bei VW mit vielen neuen Technologien im Bereich der Datenanalyse arbeiten, das fand ich toll. Der Lerneffekt war also sehr groß für mich, da ich auch viele Einblicke in andere Themen, wie zum Beispiel Projektmanagement, bekommen habe. Als nächstes steht nun im Wintersemester 2017/2018 die Bachelorarbeit an. Beruflich würde ich am liebsten im Bereich „Business Intelligence“ bleiben, gerne auch in Japan.




16.03.18